Blattmachen mit Christian Semler. Und mit Lenin. Eine Erinnerung

Es war mal wieder ein ganz normaler Tag als CvD in der taz-Berlin-Redaktion. Drei Seiten mussten geplant, gestaltet, redigiert, produziert werden. Uli Schulte schrieb über bevorstehende Friedensdemos gegen den Bundeswehreinsatz in Afghanistan, Sabine am Orde interviewte Peter Grottian, Richard Rother schrieb über Streits in der Berliner Verkehrspolitik (Soll der Flughafen Tempelhof geschlossen werden?), Rolf Lautenschläger erinnerte an das Lenin-Denkmal, das zehn Jahre zuvor abgerissen worden war, und Philipp Gessler über das 9.-November-Gedenken.

Eine typische taz-Berlin-Mischung. Nur eins war besonders an diesem Novembertag im Jahr 2001. Eine Stunde vor Redaktionsschluss fiel mir auf:  in der Hektik hatte ich völlig vergessen, einen Kommentar zu besorgen. Und der war doch Pflicht auf der ersten Berlin-Seite.

Also klapperte ich wie üblich die KollegInnen ab, aber alle meinten: Nee, keine These, kein Thema für einen Kommentar, keine Zeit. Letztere lief nun auch mir weg. Also in Ruhe nochmal alle Themen durchgehen. Lenin-Denkmal? Autobahnbau? Afghanistan-Krieg?

Letzteres wäre sicher Thema für einen taz-Kommentar. Aber auf den Berlin-Seiten? Hm. Also doch was zu Lenin? Und dann war der Gedanken im Kopf: Was würde Lenin dazu sagen? Wozu war erstmal egal. Und ich hatte ja eh keine Ahnung von Sowjetischen Revolutionären.

Zum Glück gab es Christian Semler. Diesen freundlichen, älteren Kollegen, der damals, wenn ich mich recht entsinne, vor einer Bücherwand im 4. Stock des Rudi-Dutschke-Hauses saß. Der eigentlich immer Zeit für ein interesanntes Gespräch mit drei oder mehr klugen Gedanken hatte. Der nie herablassend sprach, der immer offen war, auch für spinnerte Ideen. Und der ein lebendes Buch linker Geschichte war.

Was, also fragte ich Christian, was würde Lenin dazu sagen? Zum Umgang mit Denkmälern? Zur Verkehrspolitik? Oder zum Krieg?

Semler wusste es natürlich aus dem Kopf. Zum Krieg, sagte er mir nach einigen seiner üblichen Gesprächskurven, die ich trotz immer größer werdender Zeitnot gern mitnahm, also zum Krieg, da würde ich die entscheidenen Stellen im Vorwort zu „Staat und Revolution“ finden. Und so war es dann auch.

Kurz gegoogelt, dann copy-paste, ein wenig gekürzt (das ist  ja die Hauptaufgabe eines CvD bei Texten aller AutorInnen) und schon war er fertig. Der fast brandaktuelle Gastkommentar zu den Anti-Kriegs-Demos in Berlin mit dem starken Einstiegssatz: „Die unerhörten Gräuel und Unbilden des sich in die Länge ziehenden Krieges machen die Lage der Massen unerträglich und steigern ihre Empörung.“ Fünf Minuten vor Redaktionsschluss, also gerade noch rechtzeitig.

Am nächsten Tag gab es viel Lob von allen mögliche Seiten. Typisch taz halt, wie die Themen Lenin-Denkmal und Friedensdemos so gut zusammengebracht wurden. Da habe ja offenbar jemand lange in den Archiven gewühlt, vermuteten einige. Darauf dass es tatsächlich eine 5-Vor-Redaktionsschluss-Idee war, die durch Christian Semler möglich wurde, kam keiner.

Nur von Christian kam Kritik. Ich hätte, so sagte er, nicht „Gastkommentar
von WLADIMIR ILJITSCH LENIN“ schreiben dürfen. Sondern entweder „von Wladimir Iljitsch“ oder „von Lenin“. Aber beides, nein, das gehe auf keinen Fall.

Und ich hatte wieder etwas gelernt.

Danke, dafür Christian!

Christian Semler ist 2013 gestorben. Er wäre heute 80 Jahre alt geworden. Ein paar KollegInnen erinnern in der heutigen taz mit weiteren sehr persönlichen Texten an ihn.

 

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