Die Geschichte einer Titelgeschichte

Es gibt nur wenige Tage, an denen sich meine Arbeit an einer Titelseite so gut dokumentieren lässt, wie heute. Also hole ich hier mal ein wenig  aus.

In der Regel kommen vor allem die „größeren“ Geschichten unserer kleinen Zeitung als Grundlage für einen Titel infrage.

Heute im Programm: Eine Seite 3 zum Thema Griechenland – und zu der Diskussion über einen angeblichen Putsch, den Ex-Finanzsenator Varoufakis mitgeplant haben soll, wie die üblichen Medien wie Bild oder Spiegel.de schon lautstark berichtet haben. Mein Kollege Pascal Beucker bereitet die Geschichte nochmal neu auf und nimmt vor allem die übertriebene Aufregung raus. Das ist inhaltlich wichtig, aber für eine Seite 1 gibt das wenig her.

Auf der 4 steht ein Vorbericht von Martin Krauss zu den European Maccabi Games, dem jüdischen Sportfest im Berliner Olympiastadion. Auch nicht unspannend, aber eine steile These, die auf den Titel drängt, ist dort auch nicht zu finden.

Bleibt die Seite 5, die in der Regel von unserer Reportage-Redaktion bespielt wird. Hier berichtet heute die Inlands-Redakteurin Anna Lehmann aus dem sächsischen Böhlen, in dem die Ansiedlung von Flüchtlingen für Ärger sorgt. Eine typische, leider sehr exemplarische Geschichte über die Macht der Vorurteile. Ich schreibe mir die zentralen Sätze heraus und überlege mir, sie als eine graphische Auflistung, die für sich selbst eine Geschichte erzählt, auf die Eins zu stellen:

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Damit könnte ich zudem noch das Nachrichtenstück über Flüchtlingspolitik auf der Inlandsseite und den meinungsstarken Talk von Erik Peter über das Zusammenspiel von Pogrom und Politik ankündigen. Eine sehr taz-affine Eins, wie ich denke.

Aber meine KollegInnen denken anders. Bei der Mittagskonferenz kommt meine Idee nicht gut an. Die einen befürchten, man könne meinen, wir würden uns einzelne Abschnitte dieses Mehrfachtitels zu eigen machen. Insbesondere die These „Die Stimmung kippt“ – und das ginge doch zu weit. Andere denken, was die Flüchtlingspolitik anginge, sei die Stimmung doch längst gekippt, mein Vorschlag sei mithin schon überholt. Und dann gibt es da noch die Kritik, dass meine Idee nicht eingängig genug sei, für einen Titel. Ja, da ist was dran.

Aber ich habe ja auch noch eine ganz andere Idee in petto. Unsere kundige Gesundheitsredakteurin Heike Haarhoff hat sich einer heute veröffentlichten Studie der Bertelsmannstiftung angenommen. Laut dieser werden Schwangere unnötig oft von Ärzten untersucht – was unter anderem zur Folge hat, dass Schwangerschaft zunehmend als Krankheit empfunden wird. „Wie krank ist das denn?“, schießt es mir beim Vorgespräch mit Heike durch den Kopf. Ich kritzel das mal eben auf einen Zettel und frage Heike: „Also, so?“

Und Heike sagt: „Ja, genau!“

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Bei der Titelkonferenz kommt die Idee ebenso gut an. Klar und schnell verständlich. Und zudem auch noch mal ein „anderes“ Thema – also nicht die Dauerbrenner Krieg, Terror, Flüchtlinge, Eurokrise. Zudem auch eins, mit dem die meisten LeserInnen aus eigener Lebensanschauung etwas verbinden können – weil sie selbst mal schwanger waren, oder weil es im Subtext ganz allgemein auch um das Vertrauen in die Ärzte geht.

Also ist klar: die Zeile kommt auf die Eins. Jetzt geht es nur noch um die konkrete Umsetzung.

Mit der Fotoredakteurin Petra Schrott und der Layouterin Sonja Trabandt bin ich mir schnell einig, dass wir den üblichen nackten Schwangerenbauch nicht abbilden wollen. Nur ein Foto, das eine Frau mit Embryo-Bild auf dem Handy vor dem Bauch zeigt, kommt in die nähere Auswahl. Aber in Kombination mit der Schlagzeile wirkt uns das Ganze dann viel zu kalt.

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Außerdem steht plötzlich der Embryo im Vordergrund. Man könnte glauben, der sei wirklich krank und müsse dringend untersucht werden. Und wir wollen doch genau das Gegenteil zum Ausdruck bringen.

Das zweite Bild ist schon deutlich besser. Es versinnbildlicht meiner Meinung nach das In-Sich-Hineinhorchen einer Schwangeren, passt also sehr gut zum Thema.

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Noch viel besser wirkt allerdings auf den Probeausdrucken – auch zu meiner Überraschung –  das dritte von uns ausgesuchte Foto. Es zeigt eine sehr entspannt im Gras liegende Schwangere – und ganz nebenbei den Effekt, dass man wirklich erst sehen kann, wie eine Titelseite in Gänze wirkt, wenn sie im Originalformat ausgedruckt auf dem Tisch liegt.

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Es ist eigentlich eine klassische Text-Bild-Schere. Das Foto unterstützt also gerade nicht die vordergründige Aussage der Schlagzeile. Aber da es uns ja genau darum auch geht, ist es perfekt. Denn diese Kombination liefert unserer Meinung nach auch das kleine Rätsel, das „Hä?“, das dazu verleitet, zur Zeitung zu greifen.

Irgendwer meint dann noch, das erste Fragezeichen hinter dem oberen „Schwanger“ müsse weg. Sonja schwärzt es probeweise mal mit Kugelschreiber. Und ja, stimmt, das gehört da nicht hin.

Dann rückt sie die ganze Schlagzeile noch nach oben – was ich eigentlich nicht wollte – aber jetzt läuft sie wunderbar um den Körper der Schwangeren herum.

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Es sieht einfach besser aus, also nehmen wir diese Variante.

Und wenn dann auch noch der restliche Kleinkram drumherum gefüllt ist, die von unserem neuen Redaktionssystem vorgegebenen Blindtexte (wie „A3 Titel taz bold“) durch echte Nachrichten ersetzt sind und sich dann auch noch das verboten wie üblich von selbst geschrieben hat, …

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… ist die Titelseite schon fertig.

Voila:

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PS: Eine andere Kollegin aus der Layout-Abteilung meinte noch, den Spruch „Schwanger … wie krank ist das denn?“ hätte sie gern auf einem T-Shirt gedruckt. Ich melde dann schon mal ein Copyright an.

2 Comments

  1. Frank Pachura

    Eine schöne, aufgeräumte und informative Seite hast Du da ins Leben gerufen und eine schöne Dokumentation geschrieben.
    Warum finde ich sie jetzt erst? Aber jetzt behalte ich sie in meinem Focus.
    LG Frank

  2. Pingback: Jonet Das Journalistennetz. Seit 1994. » Medienlog 25. – 28.7.2015

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